Sonntag, 05.09.2010
16:58 Uhr
 
 

Ulten, abseits der Hauptachse des Etschtales, hat sich immer ein bisschen zurückgehalten: im Tempo, im Wandel, in der Veränderung. Und dadurch Ursprünglichkeit bewahrt, die anderswo in Südtirols Hochtälern kaum noch anzutreffen ist. Die bäuerliche Siedlungsweise verleiht dem Tal seit Jahrhunderten seinen prägenden Charakter. Vor allem in der Architektur, im weitesten Sinne: wettergebräunte Paarhöfe in Holzbauweise, steinbeschwerte Dachschindeln, Holzzäune in verschiedenster Fertigungsweise, neben Mähmaschine und Ladewagen noch viel Gerätschaft aus vergangener Zeit. Dazu gepflegte Bauerngärten und rot blühender Mohn für hausgemachte Strudel und Krapfen. Die Bäuerin tischt sie auf für die besonderen Anlässe im Jahr. Auf der Sonnenseite, früher auch Kornkammer, erstrecken sich eingesäumte Wiesenteppiche mit ihren Gehöften bis in Höhen von 1800 Meter. Nörderseitig ausgedehnte Fichten- und Lärchenwälder, die würzige Frische verströmen.

Eingebettet "zwischen Rebensaft und Gletschermilch" - zwischen Weinhängen am Taleingang und den Eisbrüchen der Eggenspitze ganz zuhinterst - schlängelt sich das Tal in kleinen Biegungen und Verästelungen in südwestliche Richtung: beginnend bei der Gaulschlucht in Lana, vorbei am Wächterposten der Burgruine Eschenlohe (kurz vor St. Pankraz), entlang zweier Stauseen bis zum hintersten Dorf St. Gertraud. Von dort noch einmal hinauf in von Dreitausender-Gipfeln abgeschirmte Alm- und Gebirgsregionen, zugleich Randgebiet des Stilfser-Joch-Nationalparkes.

Die für den Ultner Höfelauf ausgewählte Strecke von Kuppelwies bis St. Gertraud verläuft zum Teil auf dem alten Fuhrweg; vorbei mal an stattlichen, mal an kleineren Gehöften, die oft wie Schwalbennester an ihren Buckelhängen kleben und den Blick aufs Tal genießen. Der Höfe-Wanderweg ist ein Streifzug durch Ultens Geschichte, seine Kultur und - wer die Zeit sich nimmt - ein Stück seines Seelenlebens. Eine kleine Entdeckungsreise allemal.

(Luis Spath)